Frag dich: Was passiert in deiner Hausverwaltung, wenn du zwei Wochen nicht erreichbar bist?
Wenn die Antwort "ich weiß es nicht genau" ist — dann arbeitest du in Aufgaben. Nicht in Prozessen.
Der Unterschied ist konkret. Prozesse bestehen aus definierten Aktivitäts-Typen. Wer sie kennt, kann sie aufbauen. Wer sie nicht kennt, erklärt Chaos zur Normalität.
Hier sind die 9 Typen — und wie du jeden davon in deinem Unternehmen strukturierst.
Typ 1: Datenerfassung
Informationen werden strukturiert aufgenommen und ins System eingepflegt — durch Mitarbeiter, den Mieter oder automatisiert.
Typische Beispiele: Schadensmeldung per Formular aufnehmen, Mieterbonitätsdaten erfassen, Auftragsdetails eintragen.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Ein Mieter meldet einen Wasserschaden telefonisch. Die Mitarbeiterin notiert es auf einem Post-it. Drei Tage später ist es weg. Ohne strukturierte Datenerfassung beginnt jeder Prozess mit Informationsverlust — bevor er gestartet ist.
So baust du Datenerfassung auf:
- Alle Eingangspunkte auflisten — Telefon, E-Mail, persönlich, Portal.
- Pflichtfelder definieren — Name, Einheit, Beschreibung, Datum, Dringlichkeit.
- Ein einheitliches Formular erstellen — auch eine Excel-Vorlage ist ein Start.
- Den Kanal auf das Formular umleiten — wer anruft, füllt es aus, oder ein Mitarbeiter tut es während des Gesprächs.
- Mit einem Vorgangstyp starten — erst für Schadensmeldungen einführen, zwei Wochen testen, dann anpassen.
Hinweis: Zu viele Felder sind der häufigste Fehler. Beginne mit 5 Pflichtfeldern.
Typ 2: Dokumentenablage
Ein Dokument wird an einem definierten Ort gespeichert — auffindbar für jeden Berechtigten, ohne Suche.
Typische Beispiele: Mietvertrag ins digitale Archiv, Handwerkerrechnung dem Objekt zuordnen, Prüfprotokoll mit Datum ablegen.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Die Hausverwalterin sucht 20 Minuten nach dem Wartungsprotokoll. Es liegt irgendwo im E-Mail-Postfach. Dokumente ohne Ablagestruktur existieren für das Team nicht — nur wer sie gespeichert hat, kann sie finden.
So baust du Dokumentenablage auf:
- Ordnerstruktur festlegen — Ebene 1: Objekt, Ebene 2: Kategorie, Ebene 3: Jahr. Einmal definieren, nie wieder ändern.
- Namenskonvention einführen — Schema: JJJJ-MM-TT_Typ_Objekt.
- Ablageort je Dokumententyp festlegen — eine Übersichtsliste, sichtbar am Arbeitsplatz.
- Ablage als Pflichtschritt verankern — ein Vorgang gilt erst als abgeschlossen, wenn das Dokument abgelegt ist.
- Monatlichen Ablage-Check einführen — wer in "Diverses" abgelegt hat, ordnet gemeinsam ein.
Hinweis: Fang mit einer funktionierenden Struktur an — nicht mit der perfekten.
Typ 3: Benachrichtigung
Eine definierte Person wird zum richtigen Zeitpunkt informiert — ausgelöst durch einen Prozessschritt, nicht durch manuelle Erinnerung.
Typische Beispiele: Mieter über Handwerkertermin informieren, Eigentümer bei Leerstand benachrichtigen, interne Übergabe mit allen Infos.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Der Handwerker war da. Der Mieter war nicht zu Hause. Niemand hatte ihn informiert. Der Termin wird neu angesetzt. Benachrichtigungen, die manuell erinnert werden müssen, werden in 30% der Fälle vergessen.
So baust du Benachrichtigungen auf:
- Benachrichtigungspflichten auflisten — für jeden Vorgangstyp: Wer muss wann informiert werden?
- Auslöser je Benachrichtigung definieren — "Termin gebucht" → Mieter informieren. Eindeutig festlegen.
- Textvorlagen erstellen — pro Typ eine Vorlage mit Platzhaltern, kein freies Formulieren.
- Als Pflichtschritt verankern — kein Ermessensspielraum, wann informiert wird.
- Versand dokumentieren — Datum und Empfänger im Vorgang notieren.
Hinweis: Beginne mit der Mieter-Benachrichtigung bei Handwerkerterminen — größter Hebel für Kundenzufriedenheit.
Typ 4: Freigabe
Eine bestimmte Person muss einen Schritt bewilligen, bevor der Prozess weiterläuft. Verantwortung ist eindeutig zugewiesen.
Typische Beispiele: Eigentümer genehmigt Reparatur ab bestimmtem Betrag, GF gibt Angebot frei, Teamleiter prüft Abrechnung vor Versand.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Eine Rechnung über 4.200 Euro wird bezahlt — ohne Rückfrage beim Eigentümer. Die Klärung dauert Wochen. Ohne klare Freigaben handeln Mitarbeiter auf eigene Faust — oder blockieren den Prozess, weil niemand weiß, wer entscheidet.
So baust du Freigaben auf:
- Freigabegrenzen festlegen — unter 500 Euro: Mitarbeiter, bis 2.000 Euro: Teamleiter, darüber: Eigentümer. Schriftlich.
- Freigabeperson je Vorgangstyp benennen — eindeutig und dokumentiert.
- Freigabeanfrage standardisieren — Vorlage mit Beantragendem, Kosten, Alternativen, Empfehlung.
- Frist definieren — Freigabe binnen 48 Stunden, sonst automatische Eskalation.
- Vertretungsregel einbauen — wer gibt frei, wenn die Freigabeperson nicht erreichbar ist?
Hinweis: Freigabegrenzen müssen schriftlich und für alle sichtbar sein — mündliche Absprachen funktionieren nicht.
Typ 5: Weiterleitung
Eine Aufgabe wird mit allen nötigen Unterlagen, im richtigen Format, zum richtigen Zeitpunkt an eine externe Stelle übergeben.
Typische Beispiele: Schadensmeldung an Versicherung, Handwerkerauftrag vergeben, Mahnlauf an Anwalt übergeben.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Die Versicherungsmeldung für einen Wasserschaden wird 11 Tage zu spät eingereicht. Die Frist stand in den Bedingungen — irgendwo. Weiterleitungen hängen immer an einer Person. Ist diese krank oder überlastet, passiert nichts.
So baust du Weiterleitungen auf:
- Alle externen Schnittstellen auflisten — Versicherungen, Handwerker, Anwälte, Ämter.
- Fristen dokumentieren — Versicherungsmeldung binnen 72 Stunden. Sichtbar aufhängen.
- Checkliste je Weiterleitungstyp erstellen — welche Unterlagen müssen dabei sein?
- Weiterleitung im Vorgang vermerken — Datum, Empfänger, Referenznummer.
- Wiedervorlage setzen — wann wird nachgefasst, wenn keine Rückmeldung kommt?
Hinweis: Beginne mit der Versicherungs-Weiterleitung — dort sind Fristen am härtesten und Fehlerfolgen am teuersten.
Typ 6: Prüfung
Ein Ergebnis oder Dokument wird nach definierten Kriterien kontrolliert — bevor es weitergeht oder abgeschlossen wird.
Typische Beispiele: Handwerkerrechnung gegen Angebot prüfen, Nebenkostenabrechnung auf Vollständigkeit, Eingangsbestätigung auf korrekte Daten.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Eine Rechnung wird bezahlt — 840 Euro über dem vereinbarten Angebot. Bemerkt wird es erst bei der Jahresabrechnung. Übersprungene Prüfschritte erzeugen Folgekosten, die ein Vielfaches der eingesparten Zeit kosten.
So baust du Prüfschritte auf:
- Prüfpflichten festlegen — was muss zwingend geprüft werden, bevor ein Vorgang weitergeht?
- Prüfkriterien je Typ definieren — konkrete Ja/Nein-Fragen, kein freies Urteil.
- Prüfcheckliste erstellen — der Prüfer hakt ab, das macht Prüfungen schnell und dokumentierbar.
- Prüfergebnis dokumentieren — wer, wann, Ergebnis, bei Abweichung: was und an wen?
- Eskalationsweg bei Abweichung definieren — wer wird informiert, wie wird korrigiert?
Hinweis: Dauert eine Prüfung länger als 5 Minuten, sind die Kriterien nicht scharf genug.
Typ 7: Verrechnung
Eine erbrachte Leistung oder Ausgabe wird vollständig dem richtigen Empfänger in Rechnung gestellt.
Typische Beispiele: Sonderleistungen dem Eigentümer weiterverrechnen, Nebenkosten nach Schlüssel aufteilen, Honorar nach Leistungsumfang abrechnen.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Über drei Jahre werden Sonderleistungen erbracht — aber nie verrechnet, weil "man das nicht vergessen darf". Jemand vergisst es. Jede Leistung ohne Verrechnung ist bares Geld, das in einem Prozessloch verschwindet.
So baust du Verrechnungen auf:
- Alle verrechenbaren Leistungen auflisten — was wird erbracht aber nicht verrechnet?
- Verrechnungsauslöser definieren — "Sonderauftrag abgeschlossen" → Rechnung erstellen.
- Leistungserfassung einführen — sofort erfassen, nicht am Monatsende aus dem Gedächtnis.
- Abrechnungszyklus festlegen — monatlich, quartalsweise oder nach Vorgangsabschluss. Einheitlich.
- Rechnung als Prozessabschluss verankern — kein Vorgang gilt als fertig, bevor die Rechnung erstellt ist.
Hinweis: Wenn du auflistest, was du erbringst, aber nicht verrechnest, ist es mehr als erwartet.
Typ 8: Dokument-Generierung
Ein Dokument wird aus einer Vorlage erstellt, indem vorhandene Daten strukturiert eingesetzt werden — ohne manuelle Tipp-Arbeit.
Typische Beispiele: Mietvertrag aus Vorlage und CRM-Daten, Übergabeprotokoll mit Standardfeldern, Angebots-PDF mit Objektdaten befüllen.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Für jeden Mietvertrag tippt die Mitarbeiterin alle Daten manuell — in 40 % der Fälle enthält das Dokument mindestens einen Fehler. Bei 50 Verträgen pro Jahr summiert sich das auf Tage verlorener Zeit.
So baust du Dokument-Generierung auf:
- Wiederkehrende Dokumente identifizieren — Mietverträge, Übergabeprotokolle, Mahnungen, Begleitschreiben.
- Vorlage mit Platzhaltern erstellen — alle variablen Felder ersetzen: Name, Adresse, Miethöhe.
- Datenquelle je Platzhalter definieren — woher kommt der Wert? CRM, Stammdaten, manuell.
- Ausgabeprozess standardisieren — wer füllt aus, wer prüft, wer versendet?
- Versionskontrolle für Vorlagen einführen — veraltete Vorlagen werden gelöscht.
Hinweis: Beginne mit dem häufigsten Dokument — schnelle Erfolge schaffen Akzeptanz im Team.
Typ 9: Archivierung
Ein abgeschlossener Vorgang wird vollständig und strukturiert gespeichert — für Rechtssicherheit, Nachvollziehbarkeit und Übergaben.
Typische Beispiele: Schadensmeldung mit allen Belegen archivieren, Jahresabrechnung nach Versand ablegen, beendete Mietverhältnisse vollständig sichern.
Was passiert, wenn dieser Typ fehlt? Ein Mieter kündigt. Drei Jahre später gibt es Streit über die Kaution. Das Übergabeprotokoll? "Muss irgendwo sein." Ohne Archivstruktur ist jedes abgeschlossene Mietverhältnis ein offenes Risiko.
So baust du Archivierung auf:
- Aufbewahrungsfristen klären — Mietverträge, Abrechnungen und Protokolle haben unterschiedliche gesetzliche Fristen.
- Archivstruktur definieren — getrennt vom aktiven Bereich, nach Objekt, Mietverhältnis und Dokumententyp.
- Abschluss-Checkliste je Vorgangstyp erstellen — erst, wenn vollständig: Archivierung abschließen.
- Zugriffskontrolle einrichten — wer darf auf archivierte Vorgänge zugreifen?
- Löschfristen einplanen — nach Ablauf der Aufbewahrungspflicht werden Dokumente gelöscht.
Hinweis: Jeder Monat ohne Archivstruktur ist ein Monat mit offenem rechtlichem Risiko.
Selbstdiagnose
Geh die Liste durch. Für welche dieser 9 Typen habt ihr in eurer Hausverwaltung eine klare, dokumentierte Struktur?
- Datenerfassung
- Dokumentenablage
- Benachrichtigung
- Freigabe
- Weiterleitung
- Prüfung
- Verrechnung
- Dokument-Generierung
- Archivierung
0–2 strukturiert: Fast keine Prozesse vorhanden. Beginne mit Typ 1 und 3 — Datenerfassung und Benachrichtigung.
3–5 strukturiert: Einige Typen sind erfasst. Die Lücken sind keine Kleinigkeit — sie sind deine konkreten Ansatzpunkte.
6–7 strukturiert: Gute Basis. Die fehlenden Typen sind deine nächsten Projekte.
8–9 strukturiert: Solide Struktur. Prüf die vorhandenen Typen auf Aktualität — Prozesse veralten.
Wissen liegt in Köpfen, bis es in Strukturen liegt. Der erste Schritt ist nicht ein neues System — es ist eine klare Antwort auf die Frage: Welcher Typ fehlt bei uns noch?
